Eine ausgerissene Schraube
01.08.2006
Am Ende dieser Woche wollten wir eigentlich los. Von Berlin über Polen und die baltischen Staaten nach Russland. Weiter nach Moskau, zum Ural, zum Kaukasus, und dann auf die Iran-Pakistan-Indien Route, um hoffentlich bis nach Südost-Asien zu gelangen. Und dann … An Andrej’s Ténéré ist eine Schraube des Ölfilterdeckels ausgerissen. Natürlich auf der Autobahn bei einer Fahrt von Köln nach Berlin, und als er den rapiden Ölverlust bemerkte, war es bereits zu spät. Kolben und Zylinder sind heißgelaufen und die Kolbenringe verglüht. Noch hoffen wir auf eine schnelle Reparatur, aber bei meiner Maschine hat das Schleifen und Hohnen des Zylinders und die Lieferzeit für den neuen Kolben fast zwei Wochen gedauert und so mache ich mir keine Hoffnungen, dass wir vor Mitte August Unterwegs sein werden.
Ausgerechnet heute! Monatelang war mein Wohnzimmer eine XT-Werkstatt. Die Eingeweide des Motors lagen auf systematischen Häufchen in Schachteln und Lappen verpackt, in einer Ecke herum. Der Rahmen war in der Mitte des Raumes in Augenhöhe aufgebockt und mein Tisch, zum Glück ist er groß, diente als Werkbank. Im Flur liegen zwei, zum Teil geschlachtete, Motoren, in meinem Bett meistens irgendwelche Kleinteile, hinterm Spiegel im Bad klemmt noch eine Kopfdichtung.
Gestern erst hatte ich meine Ténéré durch das Treppenhaus, nach unten in den Hof geschafft und nach dem ersten vergeblichen Versuch es anzulassen schnell festgestellt, dass ich keinen Zündfunken hatte.. Eine gründliche Überprüfung sämtlicher Kabel und Stecker brachte nichts. Deswegen baute ich sämtliche Sicherheits- und Kontrollschalter aus und nahm sie mit ins Bett. Gereinigt, durchgemessen und geprüft, montierte ich sie heute morgen wieder, trat zehnmal den Kickstarter und sie sprang an. Wie habe ich mich gefreut. Schließlich bin ich nur Zimmermann, Requisiteur und IT-Techniker und nicht auch noch Zweiradmechaniker.
Nun, die Welt dreht sich einfach weiter und läuft meistens nicht weg. Ich bereite diese Reise schon so lange vor, dass es mir jetzt auf ein paar Wochen oder Monate nicht ankommt. Es gab immer wieder Verzögerungen, unerwartete Ereignisse, die die Planung durcheinander brachten und die Möglichkeit des Scheiterns in sich trugen. Morgen erledige ich die verbliebenen Feinarbeiten an der Maschine und dann verbringe ich die Zeit, bis Andrej’s Motorrad wieder läuft, mit dem Einfahren meines überholten Motors während ein paar schönen Touren. Die große Fahrt beginnt jetzt.
Meine Reise dauert nun schon 44 Jahre und sie führte mehr und mehr zu immer weniger, immer überschaubarer und mit einem Blick erfassbarer Wirklichkeit. Als Kind und Jugendlicher war mir die Welt endlos und frei erschienen und jetzt erlebte ich sie als den Gulag der westlich, rationalen Vernunft. Aber Richtungswechsel fallen mir nicht schwer, beziehen sie sich doch mehr auf die äußeren Umstände, und die Furcht vor dem Neuen, Unbekannten wird sich auch wieder als unbegründet erweisen.
Zeit vergeht nicht. Sie ist das Einzige, das uns unbegrenzt zur Verfügung steht, bis hin zur Unendlichkeit. Sollte sie einmal doch vergehen, dann geht sie einfach weg. Hoffentlich für immer, denn ich habe kaum Verwendung für sie. Der Weg is ja eingeschlagen und deswegen sind die Aufgaben und Schwierigkeiten mit diesem Weg und uns verbunden. Sie kommen und gehen solange wir auf darauf fahren, um das Fürchten zu lernen.
Posted by Joachim Volkenannt at
11:04 AM GMT